MT im Gesundheitswesen

Das Heilsversprechen der Robotik

MT im GesundheitswesenDie Prophezeiungen der Robotiker klingen verlockend. Bald, schon sehr bald, werden humanoide Roboter in Altenheimen und Krankenhäusern eingesetzt, um das Pflegepersonal zu entlasten und Krankheiten zu heilen. Nur ist es bis dahin noch ein weiter Weg und keinesfalls sicher, ob die Alten und Kranken den Roboter als Pfleger überhaupt akzeptieren.

Es geht den Robotikern dabei wie den Genetikern. Die einen schaffen hochkomplexe Maschinen, die anderen basteln an menschlichen Embryonen herum. Beide träumen von den großartigen Möglichkeiten ihrer Technologie und strecken Zweifler mit einem einzigartigen Totschlag-Argument nieder: Unsere Forschung dient der Heilung des Menschen von schlimmen Krankheiten. So sollen Roboter die kognitiven Fähigkeiten von Demenzkranken verbessern und autistischen Kindern Emotionen beibrigen. Zumindest sollen sie das knappe, überforderte Pflegepersonal entlasten.

Das Prinzip Hoffnung – Geld gegen Visionen

Auf diese Weise lassen sich Forschungsgelder in Millionenhöhe akquirieren. Kein Politiker, kein Gremium, das über die finanziellen Mittel entscheidet, kann sich dem Argument entziehen. Man will sich ja nicht schuldig machen, Chancen nich gesehen und dadurch eine Möglichkeit der Therapie und Heilung behindert zu haben.

Forschungsgelder werden bevorzugt in „Leuchtturm-Projekte“ geleitet, einzelne Disziplinen hofiert und mit Vorschusslohrbeeren versehen, denen sie kaum gerecht werden können. Das Thema Genetik ist seit angang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Politik und den Medien mit einer Aufmerksamkeit bedacht worden, die weit über den wissenschaftlichen Betrieb hinausging und die beteiligten Forscher zu immer neuen Heilsversprechen (Sieg über Krebs, Malaria, Parkinsson usw.) verleiteten. Versprechen, die sie nicht einhalten können.

Ähnlich ergeht es heute den Robotikern. Seitdem autonome Staubsauger durch unsere Stuben wuseln, kann sich jeder bildlich vorstellen, welche Segnungen mit dieser Technik möglich sind. Angefacht durch spielbergsche Fantasien und der Sehnsucht des Menschen, Probleme durch technologische Schöpfungen zu lösen, erscheinen humanoide Roboter plötzlich allerorten in unser Leben vorzudringen und alles zu erledigen, wozu wir selber noch nie Lust hatten. Dazu zählt auch die Pflege der Alten und Kranken.

Roboter – teures Spielzeug für unser schlechtes Gewissen

Ernüchternd sind dem gegenüber die Fähigkeiten heutiger Roboter. Sie sind nicht mehr als die sehr teuren Spielzeuge der Forscher, die sie entwickelt haben. Im Praxistests versagen sie an den scheinbar einfachsten Dingen. Zum Beispiel sich unfallfrei zur Ladestation zu bewegen. Doch das sind technische Probleme, die mit vielen Fördermitteln sicher bald gelöst werden.

Viel entscheidender ist, dass mit Technik allein noch niemand geheilt wurde. Und dass gerade die Alten und Kranken sich nach menschlicher Zuwendung, aber nicht nach sprechender Plastik sehnen. Selbst im technikbegeisterten Japan musste der Elektronikkonzern Panasonic einsehen, dass Hitech nicht alles ist. In einem eigenen Altenheim in der Nähe von Osaka wurden die Bewohner komplett elektronisch überwacht und von Roboter-Bären bekuschelt. Inzwischen wurde dort die Technik stark zurückgefahren. Die Alten haben sie nicht akzeptiert.

Taugt der Roboter als Pflegekraft?

Viel erfolgreicher ist dagegen ein Mehrgenerationen-Haus in Tokyo. Dort gibt es keine Roboter, sondern ein menschliches Miteinander. Und speziell ausgebildete Pflegekräfte, die sich in der familiären Atmosphäre genauso wohlfühlen wie die Bewohner zwischen 6 Monaten und über 100 Jahren. Die Alten werden nicht in Heime abgeschoben, sondern nehmen am Leben teil, kümmern sich um die Jüngsten, entlasten die Mittlere Generation und erhalten dafür Dank und Aufmerksamkeit. Statt unser schlechtes Gewissen mit Pflegerobotern zu narkotisieren, wäre es in vielen Fällen einfacher und hilfreicher, das Menschliche in uns zu fördern. Aber dafür gibt es leider keine üppigen Forschungsetats.

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